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C W BAUER - LYRIK-PREIS DES LANDES KäRNTEN
2014-12-10
Verfasst von: Ernst Sigot
Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es ist gut eineinhalb Jahrzehnte her, dass ich Christoph W. Bauer kennengelernt habe. Die genaueren Umstände tun hier nichts zur Sache – nur soviel: der prächtige Renaissancebrunnen (1563) von Schloss Tanzenberg war 1802 nach Friesach verbracht worden, wo er heute den Hauptplatz ziert. In einer virtuellen Rückholung 2002 sollten neben der Wissenschaft auch zeitgenössische Autoren mit am Werke sein. So kam ich auf Christoph W. Bauer, der damals mit den schmalen Bändchen „wege verzweigt“ (1999) und „die mobilität des wassers müsste man mieten können“ (2001) Insidern wohl schon als außerordentlich begabter Lyriker aufgefallen war‘. Julian Schutting würdigte ihn als eine der „eigentümlichsten Begabungen unter den jungen und jüngeren Lyrikern".

Irgendwie waren ja schon die Buchtitel des damals ca. Dreißigjährigen Programm: die „wege verzweigt“, die er zu gehen willens und in der Lage ist, und die Beweglichkeit, die Mobilität, mit der er zwischen Vergangenheit und unmittelbarer Gegenwart zu changieren versteht. Einem breiteren, literarisch interessierten Publikum war er durch den Gewinn des 2002 erstmals verliehen Publikumspreises beim Ingeborg Bachmann Wettbewerb bekannt geworden.

Ich übergehe weitere Preise (2001-2002): verlässliche Wegbegleiter eines bemerkenswerten Dichters beim Aufstieg auf den imaginären Helikon.

Solcherart mit den schönsten Hoffnungen erfüllt – und mit nicht geringen Erwartungen –, hat mich Christoph Bauer mit seinem Beitrag zum Szenario S[PR]ING.BRUNNEN vollends überrascht: am Ende kein einzelner Text, sondern ein Buch – und doch keines –, sondern ein prachtvoll ausgestattetes Leporello: Fragment auch in der inneren Form, die den Leser zum Füllen der Leerstellen zwingt: „fontanalia.fragmente“, aus der Taufe gehoben von Peter Simonischek – auf dem Becken des Tanzenberger Brunnens stehend.

Peter SIMONISCHEK, Tanzenberg, September 2002, Zuspielung 1

In diesen Gedichten herrscht ein spielerisches Wieder-Holen von Zitaten vor, eine Um- und Anverwandlung bereits bekannter und weniger bekannter Versatzstücke („scherben erinnerter reime") von Rilke, Hofmannsthal, Brentano, Paz, Donne bis hin zu den antiken Dichtern Varro, Catull, Ovid und vielen anderen. Nicht als Poeta doctus tritt uns der Dichter entgegen, sondern in der speziellen Komposition der „fontanalia.fragmente“ als einer, der weiß, dass Quellen erst spielerisch erarbeitet werden müssen: et poeta doctus et poeta ludens.

Doch die größte Überraschung stand 2011 noch bevor: die gleichsam dialogische, rezeptiv-kreative Auseinandersetzung in 37 Gedichten mit Catull und dessen weltberühmtem „Odi et amo“ in „mein lieben mein hassen mein mittendrinn du“, in einem Gipfelgespräch über die Jahrtausende hinweg.
Vorausgegangen war 2006 sein poetischer Diskurs in 70 Texten über den Tod: „supersonic – logbuch einer reise ins verschwinden“. Welchen Reiz doch das kreative Spielen hat! Entdeckung des Neuen, Verändern des Bisherigen, ein Spiel mit den Möglichkeiten, aus dem Poesie Wirklichkeit macht. Und Christoph W. Bauer vergisst nicht, dass es Stehenbleiben im vermeintlichen Jetzt nicht gibt. Wohl auch deshalb hat er seinem Buch „supersonic“ einen Satz aus den Bekenntnissen des Augustinus vorangestellt: „Et nusquam locus, et recedimus et accedimus, et nusquam locus“; „Und nirgends ein Ort, wir gehen fort, wir kommen her, und nirgends ein Ort.“

Fährtensucher, Tiefseetaucher, Wortvagant, so hatte eine ORF-Besprechung C. W. Bauers Proprium nicht nur dieses Werks zu fassen versucht.

Die Zeit drängt: statt eines möglichst vollständigen Index zu den zahlreichen Gesprächspartnern von C. W. Bauer doch nur noch ein kleines ABC zu lyrischem Dichten und Verdichten, seiner Verbreitung, seinem Stellen- und Marktwert.

Wir schreiben heute – wenige Tage vor Bauers Geburtstag am 11.12.1968 – den 4.12.: Advent also und somit die Zeit, in der Lyrik vielleicht doch eine kleine bescheidene Blüte erlebt – als Weihnachtsgeschenk von den Tischen der Buchhändler. Verkaufszahl summa summarum: einige 100 - wenn‘s hochkommt.

Doch wer A sagt sollte auch B sagen: B wie C. W. Bauer – mit seinem erstaunlich reichen und tiefsinnigen Angebot von 6 lyrischen Opera.
Nach B folgt C – damit beschließe ich schon die Abbreviatur des ABC, begrenze mein kleines Repertoire der Gesprächspartner Bauers und lasse die Chronologie von Jahrhunderten wie C. W. Bauer beiseite: C. V. Catullus „mnemosyne ohne ablaufdatum“ (S. 51), weiters Guido Cavalcanti (Zeitgenosse Dantes im 13. Jhdt.), Campino, Sänger der Toten Hosen, bei deren Konzert sich die Protagonisten von „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“ finden „vivamus atque amemus campino krakeelt was zählt“ (S. 7).

Chris Pichler, Wiesbaden, Oktober 2014, Zuspielung 2

Und doch: die heutige Öffentlichkeit agiert eher wie Catulls Erzfeind Cicero (vgl. carmen 49), der einmal gesagt hat, „er leugne, selbst wenn ihm die Lebenszeit verdoppelt würde, dass er Zeit habe, Lyriker zu lesen“.
Pressestimmen zu Bauers jüngstem Buch sagen anderes:
„Bauer tanzt, rockt und schwankt, er klettert hoch hinauf in den Poetenhimmel, um in die Abgründe einer vergehenden Liebe zu blicken. Zeitübergreifend findet er sich in den alten Versen, die alles schon vorausgeahnt zu haben scheinen. Die Wucht seiner Sprache ist eine ganz und gar heutige, zeitgenössische."
Die Presse, Maja Haderlap


Vielleicht ist es heutigen Interessenten doch zu beschwerlich, die poetologischen Stellungnahmen und metapoetischen Äußerungen Bauers aus seinem Dutzend lyrischer Opera zusammenzulesen. Er hat vor wenigen Jahren seine Poetik auch theoretisch zu Papier gebracht - an entlegener Stelle:

„Abkratzen, täglich ein bißchen mehr

Viele meiner Texte bleiben fragmentarisch, aber ist nicht jeder Text, jedes Gedicht ein Fragment? Freilich, ein Gedicht ist mehr, ist immer auch eine Gesamtheit, eine Harmonie. Es löst sich als Bruchstück der Vergangenheit in einen absoluten Anspruch auf Gegenwart, ist disharmonisch, duldet keinen Widerspruch, ist widersprüchlich, ein Perpetuum mobile in Form eines Paradoxons, eine Einheit, ein Ganzes – ein Fragment. Und als solches schlägt es durch die Zeit wie ein Text auf dem Farbband einer Schreibmaschine. Wer braucht Gedichte heute, fragen die, die alles und jedes ins Segel der Nützlichkeit hängen …“

C. W. Bauer kommt Lesern – seien sie nun der Antike zugewandt oder an modernen Autoren interessiert – weitgehend entgegen, macht also recht heutig Lust auf Lyrik. Mit einem Satz von Peter Handke (einem großen Vorbild für C. W. Bauer) – in leichter Variation – möchte ich schließen: „Die einen pöbeln auf den Straßen, die andern sehen fern, vielleicht liest einer – C. W. Bauer“. Ahoi!
Ernst Sigot
(Klagenfurt, 4.12.2014)
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